Von Insulanern und Helgoländern – Leben auf einer Hochseeinsel

Wenn man ein paar Tage auf einer Insel mitten im Meer verbringt, dann fängt man unweigerlich an, die Menschen und das Leben anders zu betrachten…

Als Ralf Steinbock, unser Vermieter, mich zwischen den Zuschauern gleich erkannte, war ich total irritiert. Auch wenn er mein Gesicht von Fotos auf meinem Blog gesehen hatte, war es schließlich dunkel und ich warm eingepackt. Ich hätte mich nicht sofort zwischen den Menschen erkannt. „Hier kennt man ja alle, da war das nicht schwierig Dich zu erkennen. Fremde fallen auf.“ war seine Antwort auf meine Verdutztheit. Nach 3 Tagen bekam ich eine Ahnung, warum ich als Fremde erkannt wurde:

Helgoland hat ca. 1400 Einwohner (mein Wohnort 17.000) und drumherum gibt es bekanntlich nur Wasser. Da läuft man sich schon eher mal über den Weg, als auf dem breitflächigerem Festland. Auf dem Festland hat man eine große Auswahl an Supermärkten, steht im Stau, wartet im Regen auf den Bus oder vertreibt sich den weiten Weg zur Arbeit irgendwie. Hier gibt es keine Fahrzeuge, außer ein paar 10km-Autos, einen Krankenwagen, die Feuerwehr und ein Taxi.

Auf Helgoland ist jeder hier per Du und nennt sich beim Vornamen. Da sitzt man beispielsweise im Weihnachtskonzert und zur Begrüßung kommt die Durchsage „Regina hängt heute 15 Minuten dran, damit auch die Unterländer noch mit dem Fahrstuhl runter fahren können.“ Applaus für Regina im Saal, die eigentlich um 21 Uhr Feierabend hat und heute bis 21.15 Uhr den Fahrstuhl vom Oberland ins Unterland führt. (Den Namen der Fahrstuhlführerin habe ich mir ausgedacht, weil ich ihn leider vergessen habe.)

Auch Kerstin und Adriana, die sich beim Saunaaufguss im Mare Frisicum Spa abwechselten, schwangen ihr Handtuch für bekannte Gesichter und führten lockere Gespräche mit den Besuchern. „Wir wars drüben? Erzähl mal!“ Solche Floskeln hörten wir öfter unter den Leuten. Ganz normaler Schnack, kennen wir jedoch nur Gesprächsanfänge wie „Wie wars auf der Insel?“ Und nun drehte sich alles um. Die Insulaner erzählten von ihren Erlebnissen auf dem Festland, wie wir von unseren auf der Insel.

Ins Café am großen Platz kam immer um die gleiche Zeit, der gleiche Typ, um seinen Cappuccino zu trinken. Mein Sitznachbar aus der Sauna, fuhr am nächsten Tag das Dünentaxi. Den Dünenführer kannte ich bereits aus dem Fernsehen. Der junge Mann, der uns die Feuerzangenbowle in den Hummerbuden zubereitete, lief in seiner Handwerkskluft im Hafen an uns vorbei. Auch die Frau, die am Tag zuvor mit mir auf der Düne Kegelrobben betrachtete, erkannte ich in einer Fotoausstellung zusammen mit Bildern und einem Porträt unseres Vermieters wieder.

Ein Kunstwerk und Fotos eines Fotovereins auf Helgoland in Rathaus

Ein weiteres, typisches Inselmerkmal zum Neidisch werden: Die Zeit läuft hier ganz anders. Eine Feststellung, die man sicherlich auf jeder Insel macht. Hier hängt die neue Zeiteinteilung in jeder Boutique und an jedem Imbiss im Fenster. Sie richtet sich nach der Fähre. Meist kommen die Besucher mit dem Schiff um 13 Uhr an und fahren um 16 Uhr wieder ab. So sehen dann meist auch die Öffnungszeiten aus. Um 17 Uhr haben die Geschäfte wieder geschlossen. Vor 11 Uhr macht keiner auf. Ruhetag hat jeder wann er will. Die meisten Besucher sind von Donnerstag bis Sonntag da. Dann haben fast alle geöffnet. Man muss genau gucken, wer wann geöffnet hat. Eine Regelmäßigkeit für alle gibt es nicht.

Anleger der Dünenfähre auf der Düne

Interessant ist auch, dass uns berichtet wurde, das es auf Helgoland 2 Hebammen gibt, aber keine Gebärmöglichkeit. Es gibt also nur noch Insulaner, die Helgoländer sind vom Aussterben bedroht 😉 Zum Kinder kriegen fahren die Mamis 2 Wochen vor Stichtag rüber aufs Festland. Wenn es brenzlich wird, auch mit dem Heli. Somit werden auf Helgoland keine Babys geboren. Wenn ich es mir richtig gemerkt habe, dann gibt es nur noch 150 Helgoländer auf der Insel.

Helgoland und Düne von oben

Auch ein schönes Zitat, dass wir aufgeschnappt haben: „Wir haben alles, nur keine Autos. Brauchen wir auch nicht.“ Ein Ausspruch, der vielleicht witzig gemeint ist, aber gestresste Festländer nachdenklich stimmt. Mitten in der Natur, umringt von ganz viel Meer, auf einer übersichtlichen Insel zu Leben, auf der man alles hat und nichts weiter braucht, jeden Weg und jeden Nachbarn kennt. Ein Ort, wo man sich nicht über Stau und Hektik aufregen muss, sondern alles nach der Fähre und den Besuchern der Insel einteilen kann, ohne das einem der Stress den Hals zu schnürt. Ob das nun ein Traum oder gelebte Realität sein kann, weiß man wohl erst, wenn man so einen Schritt wagt und aufs Meer hinaus auf eine Hochseeinsel zieht. Wäre sicherlich eine große persönliche Herausforderung.

2 thoughts on “Von Insulanern und Helgoländern – Leben auf einer Hochseeinsel

  1. tolle, einfühlsame beschreibung! Da kann ich mir das „feeling“ irgendwie ganz gut vorstellen. Und die bilder dazu: auch wieder klasse!!!

    guten rutsch in’s neue jahr – ihr habt ja jetzt euer „zwischenhoch“, bevor der winterschlaf weitergeht, wie?

    uwe

    1. oh ja, es war auch sehr beeindruckend, den Tieren in freier Natur so nah zu sein 🙂
      Ich wünsche auch einen guten Rutsch und vor allen Dingen Gesundheit für das nächste Jahr!
      Liebe Grüße, Finja

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